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09/03

SPRINGER POST

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seine Frage unüberlegt getan zu haben; denn sogleich lachte er darüber. Doch wurde er alsbald wieder ernst und schlug zu meinem Erstaunen vor, wir sollten darum spielen, wer als Letzter auf dem Schiff bleiben dürfe."
Das war nun ein ganz unsinniges Angebot, meinen Sie. Mir hätte das auch so erscheinen müssen, - hing es doch wahrhaftig nicht vom Ausgang der Partie ab, wer von uns als Erster in die Tiefe ging. Sonderbarerweise dachte ich gar nicht daran, sah nur auf meinen weißen König und sagte ganz einfach: „Einverstanden". Und danach erfüllte mich eine ganz törichte Zuversicht.
Ich zog den Königsbauern zwei Felder vor. Ehe er entgegnete, sah er mir noch einmal starr in die Augen. „Die Zeit ist begrenzt", sagte er, „ich kann Ihnen nicht beliebig lange Zeit zum Überlegen lassen. Es muss nach der Uhr gehen. „Das verstand ich erst nicht. In jenen ruhigen Zeiten war es beim Schach noch nicht üblich, daß einem die Überlegungszeit zugemessen wurde. Er machte mir aber sofort klar, was er meinte. Unter seinem Mantel brachte er eine uralte Sanduhr zum Vorschein und stellte sie auf den Tisch. Mit der Uhr hatte es, wie sich zeigte, folgende Bewandtnis: Wenn ich am Zuge war, lief der Sand durch die Verengung. Sobald ich gezogen hatte, legte der Schwarze seine linke Hand auf den oberen Behälter, und der Sand hörte zu rinnen auf, bis sein Zug erfolgt war und er die Hand wieder wegnahm. Natürlich beanstandete ich, daß die Zeit seiner Züge nicht gemessen wurde. Er aber lachte darüber. „Ich brauche nicht viel Zeit", sagte er. „Wenn das Spiel zu Ende ist, werden Sie wünschen, ich hätte viel länger überlegt." Er antwortete mit e5. Ich hatte mir vorgenommen, mit Ponzianis Springerspiel zu eröffnen. Damals hielt man das für eine sehr solide Sache. Die ersten Züge waren die üblichen. Auf 2. Sf3, Sc6 zog ich 3. c 3. Nun war es an ihm, dem weiteren Verlauf die Richtung zu geben. Als klassisch galt damals noch der von Ponziani empfohlene Vorstoß nach f5. Er aber wählte den neueren Zug 3. Sf6, von dem er wohl annahm, daß ich ihn nicht beherrschte. Es war klar, er hielt mich für einen Anfänger. Er hatte so eine herrische und selbstsichere Art, die Steine zu führen, daß ich etwas ärgerlich wurde.
Ich ließ, wie es die Theorie lehrt, Angriff Angriff sein und spielte 4. d4. Prompt nahm er den Bauern e4, und ich ging im 5.Zuge nach d5 vor. Soweit verlief alles schulmäßig. Seinen angegriffenen Springer c6 führte er nach e7, offenbar, um ihn über g6 wieder zu aktivieren. So kam es auch im 6.Zuge, obwohl ich zuvor mit meinem Springer den e5-Bauern schlug und damit das Feld g6 beherrschte. Ich hätte nun im 7.Zuge die Springer tauschen und einen schwarzen Doppelbauern auf der g-Linie herbeiführen können, doch war mir die Situation auf der e - Linie zu undurchsichtig. Ich zog es daher vor, sofort den Springer e4 anzugreifen, und setzte deshalb den Läufer auf d3. Nach diesem Zug, der ihm nur wenig Überlegung abnötigte, lachte er höhnisch auf und schlug den Bauern f2!