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SPRINGER POST

09/03

ich Ihnen sage, dass ich mit der Lösung bald klar kam. Ich sann so darüber nach, wie man wohl noch eine Schikane einbauen könnte, da ging mit einem Ruck die Tür auf, und darin stand doch wahrhaftig so ein langer Kerl, angezogen wie ein Landstreicher, mit einem viel zu großen, schwarzen, zerfransten Mantel und einem Filzhut, dessen Rand tief herabhing. Erst als der Kerl näher heranschlurfte, sah ich, dass er vor dem Gesicht eine schwarze Maske aus auffallend guter Seide trug. Nur die Augen schauten heraus, - klar leer, - weder gut noch böse, einfach kalt. Ich muss ihn ziemlich verdattert angeschaut haben. Er fing an zu erklären, er sei der blinde Passagier, und er hallte es für an der Zeit hervorzutreten. Es fiel mir sofort auf, dass er nicht sagte: „ein blinder Passagier", sondern „der blinde Passagier, so als sei er nicht ein zufällig auf die Adelgunde geratener Tramp, vielmehr ein notwendiges Requisit, das eben zu solchen Fahrten gehöre. Er sprach mit leiser, betont sanfter Stimme, die aber nicht ganz rein klang. Seine Sprechweise war nicht fließend, die Sätze kurz, fast ein wenig schroff.  In seinem Auftreten war etwas, das weitere Fragen nach Herkunft und Absichten ausschloss, wenigstens in dieser Situation. Wozu sollte man auch ein Verhör anstellen mit einem blinden Passagier, der einen sogleich zu den Fischen begleiten würde? Doch verstörte mich sein Auftreten. Meine Lust am Schach war dahin.
Anders war es mit ihm. Als er mich lange genug angeglotzt hatte, gewahrte er die Schachfiguren. Obwohl ich seine Gesichtszüge wegen der Maske nicht beobachten konnte, merkte ich doch an einer leichten Veränderung seiner Haltung, dass er in dem - wie auch immer beschaffenen - Vorhaben, mit dem er gekommen war, unsicher wurde. Die Stellung schien ihn zu fesseln. Wieder erhob er seine unecht sanfte Stimme: „Ich wusste nicht, dass sie Schach spielen. Das ist mir nicht gesagt worden. Ich spiele auch. Was soll das hier sein?"  Ich erklärte es ihm. „Und das konnten Sie nicht lösen?", fragte er. Mir war, als hätte der weiße König es mir eingeflüstert, jedenfalls verneinte ich seine Frage. Er lachte etwas schrill. Das Lachen hatte er nicht so in der Gewalt wie seine Stimme. Dann hob er die rechte Hand. Erst jetzt sah ich, dass er elegante schwarze Lederhandschuhe trug. Mit verächtlichem Ruck setzte er den weißen Läufer nach a7.
Die Vorgänge am Schachbrett lösten meine Bestürzung und lenkten meine Gedanken zum Spiel zurück. Als Schachspieler war mir der Schwarze schon weniger unheimlich. Hand aufs Herz, würden Sie nicht selbst mit dem Teufel ins Gespräch kommen, wenn es ums Schach ginge? Der Fremde bot mir eine Partie an. Ich sagte zu. Die Partie vergesse ich nie. Beim Losen tippte er auf meine rechte Hand und sagte: „Schwarz". Wirklich, der schwarze Bauer war darin. Wir stellten auf. Trotz seiner Handschuhe war er unglaublich fingerfertig. Ich war noch mit den Bauern beschäftigt, da fragte er mich: "Was setzen Sie ein?".
Ich war abermals verblüfft. Was sollte man denn noch einsetzen, so am Rande des Grabes? Und er sah nicht danach aus, als hätte er viel einzusetzen. Er schien